Die andere Medizin
Nadeln, Kräuter, Zuckerkugeln

 

 

Wer war's?

Er sagte, Krankheiten seien Konflikte zwischen dem "höheren Selbst" und der Persönlichkeit, kämen aber eigentlich von Charakterschwächen wie Haß, Stolz, Grausamkeit, Habgier, Egoismus, insgesamt genau 38 "negativen Seelenzuständen" mit festgelegten Symptomen. "Oberstes Diagnoseprinzip: körperliche Zustände sind unerheblich" - ein kühner Griff neben die Mottenkiste der Psychologie.

 

Die schlimmen Unarten der 38 Schubladen-Persönlichkeiten wollte er durch spirituelle Umwandlung in "Tugenden", d.h. moralisch einwandfreie Seelenzustände, heilen. 38 entsprechende Blütenmittel von Blumen, Sträuchern und Bäumen sollten ihm die "Energie" und das "geistige Potential" für die Behandlung der 38 Sorten böser Menschen liefern (hat nichts mit Pflanzenheilkunde gemein). Gottlob hatte er nicht den Einfall, Rotkehlchen und Löwen für die geistige Energieübertragung auszuwählen.

 

An einem wolkenlosen Vormittag pflückt man an bestimmten Orten die vom ihm bezeichneten Blüten, bzw. Stiele und Blätter, legt sie in Wasser, angelt sie, wenn sie verwelkt sind, mit einem Zweig der nämlichen Pflanze wieder heraus, gießt 1:1 Cognac oder Brandy dazu und verdünnt alles noch einmal genau 1:240.  Dadurch wird die energetische und geistige Kraft der Pflanzen nicht nur in viel Alkohol und noch mehr Wasser aufgelöst, sondern "in höherer Ordnung konzentriert". Eine Begründung für die botanische Auswahl und gerade dieses Verfahren zur Hebung der Moral hat der Meister leider nicht hinterlassen.

 

Die fertigen Fläschchen enthalten nur 1-2 Tropfen dieser sog. Essenzen. Man kann die Pflanzenmittel einnehmen oder äußerlich anwenden oder am Körper tragen oder einfach auf das Nachtkästchen stellen. Die Wirkung tritt nach wenigen Stunden ein oder nach 18 Monaten (bei chronischer Charakterschwäche), soll allerdings, verständlich, bei letzterer Art der nächtlichen Anwendung ein wenig schwächer ausfallen.

 

Das geistige Potential von beispielsweise Blütenmittel Nr. 33, der Walnuß, einer eher dummen Nuß, ist nicht dingfest zu machen, aber man kann den höheren Pflanzengeist (Kirlian-bioenergetisch) dabei fotografieren, wie er "die Kanäle für die Botschaften des spirituellen Selbst öffnet". Die Energie der Walnuß ist leichter zu fassen: 669 kcal in 100g eßbarem Anteil. 

 

Die ebenso unschönen wie unvereinbaren Gemütslagen mit den Nummern 6,9,18,26,29 ("unbeherrschte Temperamentsausbrüche, wenig Aufmerksamkeit, von Terrorgefühlen überrannt, geistige Abwesenheit, ungeduldig oder leicht gereizt, panische Reaktion" usw.), aber auch etwa ein lebensbedrohlicher Herzanfall, sind unschwer zu beheben: mit "Rescue Remedy" (Notfalltropfen), einer Blütenmischung mit der Energie und Geisteskraft von Kirschpflaume, weißer Waldrebe, drüsentragendem Springkraut, gelbem Sonnenröschen und doldigem Milchstern. 

 

Keine einzige Krankheit, so sprach der Erfinder bescheiden, ist unheilbar. Folgerichtig hat er sein System für endgültig abgeschlossen erklärt. 

Wer war's?  Dr. Edward Bach (1886 -1936).  

(Die Blütenmittel sind in Deutschland nicht zugelassen, gelten aber als harmlos.) 

 

 

 

 

Pflanzliche und andere Arzneimittel

Viele glauben, daß man mit Pflanzen "aus Gottes Apotheke" Krankheiten natürlich und ohne die gefährlichen Nebenwirkungen der "chemischen Hämmer" der Pharmaindustrie heilen könne. Sie übersehen dabei, daß jedes noch so sanfte Mittel Haupt- und Nebenwirkungen hat  ("allein die Dosis macht, daß ein Ding kein Gift ist")  und an seinem Ort im Körper bio-chemisch, d.h. ganz natürlich wirkt, nicht etwa geistig oder gar übersinnlich. Deshalb dürfen Bachblüten, Homöopathie oder Aromatherapie nicht mit den zum Teil altehrwürdigen Heilpflanzen in einen Topf geworfen werden; Zuckerkügelchen, englisches Blumenwasser und Pflanzenseelen haben gar nichts mit Pflanzenheilkunde zu tun.

 

Gut untersuchte Pflanzen sind rar und wäre zum Exempel die Modedroge Johanniskraut ‚chemisch’,  ohne den Nimbus und Vertrauensvorschuß des Naturprodukts, würden die bislang vorgelegten Untersuchungen nicht ausreichen, sie als Mittel gegen Depressionen zuzulassen. Klostermedizin und alte Arzneibücher schrieben dem  "S. Johans kraut" noch ganz andere Wirkungen zu:  "gesotten unnd viertzig tag an einander getruncken / heylet das hüfftwee" und  "ist mittags auff Johannis-Fest gesammlet ein Mittel gegen Epilepsie" oder "pringt den frawen ir kranckayt". Es wurde aber auch (angeblich von der berüchtigten Hildegard ) als Viehfutter empfohlen, "weylen es eyn verwildert kreuttlein ist.“ (Nebenbei: die ganze "Hildegard- Medizin" ist ein zeitgenössisches Marketingprodukt)

 

Heute versucht die Industrie, in fragwürdigen Tierexperimenten („Angstmodell’) den Wirkungsnachweis für die natürliche Psychodroge Johanniskraut zu erbringen und pharmakologisch zu zeigen, daß sich "die sanfte Alternative hyperforinhaltiger Extrakte mit vielen potentiell wirksamen Inhaltsstoffen" (Pharma-Lyrik) im eigentlichen Wirkmechanismus an der Nervenzelle, ordentlich dosiert (900mg tgl.), nicht wesentlich von den Muntermachern aus dem Chemielabor ("mother’s little helpers") unterscheide - Öko-Glückspillen von Mutter Natur wie ein Joint..

 

Eine chemische Arznei besteht aus einem einzigen Wirkstoff mit bekannten Eigenschaften, Heilkräuter dagegen sind nicht exakt bestimmbare komplexe Vielstoffgemische mit verwirrend unterschiedlichen Herstellungsprozessen der Ausgangsdroge, wechselnder Zusammensetzung, Konzentration und Qualität der Inhaltsstoffe (z.B. durch die Umweltbedingungen im oft fernen Herkunftsland, incl. Pflanzenschutzmittel, Strahlung, Verunreinigungen von Pilz bis Schwermetall) und Fragen sachgerechter Lagerung. Sie sind als "besondere Therapierichtung" vom Nachweis, wirksam und sicher zu sein, derzeit befreit. Die Möglichkeiten einer Bewertung und Qualitätskontrolle sind auch beschränkt, schon ein einfacher Tee enthält viele Dutzend Einzelstoffe. Und die Geschmacks- und Wirkungsunterschiede bei verschiedener Ziehzeit kann man schon am schwarzen Tee beobachten. 

 

Sicherheitshalber sollten Sie zur Selbstbehandlung nur nach dem Arzneimittelgesetz zugelassene, standardisierte Einzelpflanzen ("Monographie-konform")  und Apotheker-Zubereitungen verwenden, um wirksame Heilpflanzen geprüfter Qualität zu bekommen - nur 1/4 der über 4000 Phytos. Die Ansicht, alle Pflanzenstoffe seien esoterische Flower-Power, wäre genauso falsch (denken Sie an Tollkirsche oder Penizillin!) wie der unkritische Glaube an alte Volksmedizin und neue Reklamesprüche ("bioenergetisches Feld").   Heilpflanzen-Lexikon

 

Seit Jahrhunderten verwendete Hausmittel können modernen Überprüfungen manchmal durchaus standhalten, wie der Kamillentee zeigt. Bei Versuchspersonen (2 Wochen, 5 Tassen täglich) wurden, sogar noch zwei Wochen nach Ende der Tests, im Urin antibakterielle (gegen Entzündungen) und muskelentspannende (bei Periodenschmerzen) Substanzen nachgewiesen.   Tee-Rezepte: natum

 

Aber auch Naturheilmittel können Nebenwirkungen hervorrufen wie (Kontakt-)Allergien (stark: Teebaumöl) - oft auch durch Vermischungen (wie Kamille/Hundskamille), Schmerzen und Fieber (Ginkgo), Hormoneffekte (Sonnenhut), sogar Organschäden (zB der Leber bei Kava-Kava) oder überraschende Wechselwirkungen (uncool: Pillenversager unter Johanniskraut); neuerdings wird auch von Vergiftungen durch Algenprodukte berichtet. Knoblauch und Ginkgo können Blutungen verstärken, deshalb sollen vorsorglich alle Pflanzenmittel vor einer geplanten Operation abgesetzt werden. Die (oft versehentliche) Gabe ätherischer Öle (Kampher, Menthol, Pfefferminz) an Säuglinge und Kleinkinder kann schnell zum Fall für Giftnotruf und Intensivstation werden: ein Tropfen auf Nase oder Lippe kann Krämpfe und  lebensbedrohliche Atemnot auslösen. Die Kapseln mancher pflanzlichen Arzneien enthalten Weichmacher (DBP), die von der EU als "fortpflanzungsgefährdend" eingestuft werden, weil sie das ungeborene Kind schädigen könnten.    

 

Im beliebten botanischen Arzneischatz der angeblich traditionellen chinesischen Medizin und in ayurvedischen Zubereitungen wurden grobe Verunreinigungen, Arznei-Beimischungen (zB Kortison) und echte Gifte (wie Arsen, Blei, Quecksilber) in nennenswerten Konzentrationen gefunden: "Nierenkiller aus Fernost". 

 

Die sympathische Naturheilkunde ist also nicht immer unbedenklich und dabei steht den zum Teil ernsthaften Risiken meist kein belegter Nutzen ("stärkt das Immunsystem") gegenüber, auch keine Einsparung. Die Hälfte der rezeptfreien Pillen, Säfte und Salben zur Selbstbehandlung - ein Markt von 4 ½ Milliarden Euro jährlich - ist bestenfalls schlicht wirkungslos. Aber auch ein Viertel der „richtigen“ 50000 Arzneimittel (mit 2900 Wirkstoffen) wird als "wenig geeignet", schlicht unbrauchbar eingestuft; tausende Präparate haben in den letzten Jahren die Zulassung verloren. 

 

 

 

 

Homöopathie  

Merkmale der homöopathischen Mittel sind die Arzneiprüfung und die Herstellung von Potenzen. Wenn Sie, beispielsweise, von einer Biene gestochen werden, tut es weh und wird rot. Deshalb ist die Biene ("Apis D30") im Verhältnis 1:1000000000000000000000000000000  verrieben, ein Mittel bei "Brennen, Stechen, Rötung, Schwellung", nach dem "Simile-Prinzip" der Homöopathie: Ähnliches wird durch Ähnliches geheilt. 

 

Beim schrittweisen (D30=30x) Verdünnen (D=1:10), dem "Potenzieren", wird durch das kräftige Verschütteln, so die Erklärung für das Unerklärliche, "Energie" zugeführt. Dabei soll dem Trägerstoff (Wasser, Globuli) die "Information der Arznei" eingeprägt werden und sich mit zunehmender Potenzierung immer weiter unbegrenzt verstärken, "dynamisieren". Laut Samuel Hahnemann, dem Urvater der Lehre, wirken homöopathische Zubereitungen aber auch "mittels Riechens nicht weniger mächtig".     

 

Unerwünschte Nebenwirkungen homöopathischer Arzneien - Salzsäure und Arsen, Maulwurfsfell und Marienkäfer, Sehnerv und Tripper-Eiter, Fliegenpilz und Petersilie -  werden durch die Potenzierung nicht mitverstärkt. In den Verdünnungen sind immer auch, mehr als von der Arznei, Spuren anderer Stoffe nachweisbar, die aber als nicht wirksam gelten. Niedrige Potenzen können durchaus gefährliche Konzentrationen von Giften enthalten, von (in der sog. Schulmedizin abgeschafften) Stoffen, die krebserregend sind, Chromosomen und Organe schädigen oder Allergien auslösen; unbedenkliche Untergrenzen sind nicht bekannt. 

 

Spätestens ab D24 oder C12 ist rechnerisch kein einziges Atom der Ausgangssubstanz mehr im Fläschchen. Deshalb ist die Behandlung eines Windelausschlags mit dem 'giftigen Sumach' für den Säugling ohne Risiko, "Rhus toxicodendron D30" ist absolut frei von Gift-Efeu und seiner Arzneiwirkung, wie einer starken Verätzung der Haut (dem "Simile"). Andererseits soll eine Tablette "Natrium chloratum", schlichtes Kochsalz, ein Heilmittel für Herz und Leber sein, ein Vielfaches davon in der Suppe aber nicht.   

 

Die "Hochpotenzler"- Dosierung C200, etwa des Grippemittels Entenleber, besagt, daß Verdünnungsstufen von 1:100 zweihundertmal wiederholt werden, jeweils mehrfach heftig geschüttelt, bis zuletzt eine 1 mit schlicht absurden 400 Nullen dasteht, eine Zahl, die astronomisch zu nennen, eine ungeheuere Untertreibung wäre. Es gibt auch die 1 mit 1000 Nullen, aber den Enten droht, anders als etwa beim Nashorn-Pulver der Chinamedizin, insoweit keine Gefahr durch die Homöopathen.  

 

Zur Behandlung des vaginalen Ausflusses werden u.a. Acidum formicum (Ameisensäure), Calcium carbonicum (Austernschalen), Kreosotum (Buchenholzteer), Lachesis (Schlangengift), Lilium (Tigerlilie), Sepia (getrockneter Tintenfisch) und Sulfur (Schwefel) genannt. Die angegebenen Dosierungen reichen von D2 bis D12 "und höher". (In der anderen Medizin würden derarte Sprünge, z.B. bei Aspirin, den Wechsel von einer Tablette mit 500 mg auf 2 Kilogramm und 2 Millionen Tonnen des Wirkstoffs bedeuten.) 

 

Die oft gestellte Frage "Gibt es da was Homöopathisches?" ist hahnemannmäßig völlig daneben. Die richtige Frage ist komplizierter und sehr persönlich: mit welcher künstlichen Krankheit (= ähnlichem Arzneimittel) kann mein Körper angeregt werden, die Verstimmung meiner Lebenskraft (= meine Symptome) auszugleichen? Oder für die Therapie: welcher "Konstitutionstyp" hat den Ausfluß?  

 

Unser gynäkologisches Beispiel und Schwefel als Arznei träfen diese Konstitution: eine griesgrämige, etwas streng riechende, picklige, wasserscheue Vegetarierin.

Sulfur, u.a.: Reizbares, mürrisches Wesen. Immer pessimistisch und depressiv, schlechtes Gedächtnis. Erwacht morgens gegen 3 oder 4 Uhr. Lasche Körperhaltung des Bindegewebsschwächlings. Unreiner, graufarbener Hautteint. Unangenehmer Körpergeruch. Ekzeme mit viel Juckreiz. Starke Empfindlichkeit gegen Wasser. Tagsüber kalter Fußschweiß. Morgendliche Durchfälle. Abneigung gegen Fleisch und Milch. Magenflauheit gegen 11 Uhr vormittags. Alle Absonderungen sind brennend und scharf. Verschlimmerung nach Mitternacht. Besserung bei trockenem Wetter.  

 

Die Anwendung homöopathischer Mittel ('Arnika bei Wunden') ist noch keine homöopathische Behandlung. Es gibt keine Gegen-Mittel, keine akuten Krankheiten, nur individuelle "Arzneimittelbilder". Drei Patienten mit der selben medizinischen Diagnose bekämen gewiß drei grundverschiedene persönliche Simile-Mittel, aber bei drei Menschen mit absolut unvergleichbaren Erkrankungen wäre ein und die selbe Arznei denkbar. Selbstbehandlung, Reiseapotheken oder die beliebten Komplexmittel widersprechen deshalb allen Prinzipien der reinen homöopathischen Lehre ("Macht mich nach, aber richtig!").

 

Hahnemann glaubte, "das Homöopathische beruht auf einem ewigen untrüglichen Natur-Gesetze und ist die einzig durch Menschenkunst mögliche Heilart". Aber das 200 Jahre alte (ebenso lang umstrittene) Dogma, daß  "was krank macht, auch heilsam ist" und daß sich durch unendliche Verdünnungen "die Materie zuletzt gänzlich in ihr geistartiges Wesen auflöst" ist nicht leicht in eine natur-wissenschaftliche Arzneikunde zu integrieren, eigentlich gar nicht. So bleibt es bei dem alten Spott: bei der Homöopathie stirbt man an der Krankheit, bei der Allopathie an der Behandlung.  

 

Nachtrag

Der bislang größte internationale Vergleich von über 200 homöopathischen und sog. schulmedizinischen Studien zum selben Krankheitsbild, die von der volkstümlichen "Erfahrungsmedizin" immer geforderten Untersuchungen, haben 2005 wieder gezeigt, daß die Heileffekte der Homöopathie nicht über unspezifische Scheinwirkungen hinausgehen, wenn sie mit großen Patientenzahlen in statistisch einwandfreien Untersuchungsanordnungen Placebo-kontrolliert unter die Lupe genommen werden. Dabei sind Placeboeffekte durchaus wirkungsvoll und meist handfest biochemisch (Endorphinfreisetzung im Gehirn) und nicht "eingebildet", aber eben keine besondere eigene Arzneiwirkung.

 

Die Frage ist dabei nicht, ob man die Scheinwirkung der Globuli nützen soll, sondern ob man ehrlich zu einer objektiv wirkungslosen Arzneitherapie raten kann. Auch die Schulmedizin muß sich ja ständiger Kritik an ihren Irrtümern stellen, nur führt da der immer wieder fehlgeschlagene Wirkungsnachweis einer Behandlungsmethode nicht zu einem vorderen Platz in der Beliebtheit bei Patienten und Ärzten - sie sei denn sanft und ganzheitlich wie reines Wasser oder ein verzaubertes Zuckerkügelchen. 

 

 

 

 

Volksseuche Darmpilz

Der heimtückische Hefepilz Candida albicans kann im Magen-Darm-Trakt siedeln, sich dort vermehren und  das Immunsystem durch Pilzgifte schädigen. Eine Vielzahl verschiedener mysteriöser und bekannter Krankheitsbilder von Durchfall bis Depression ist die Folge.

 

Diese Gruselgeschichte stimmt Gottseidank nicht.  Wie viele andere Mikroorganismen, die allermeist völlig harmlos zu beiserseitigem Nutzen auf und in uns hausen, kommen die Sproßpilze regelmäßig vor; ihr Nachweis in Rachenabstrich, Dünndarmsaft oder Stuhlkultur ist daher in aller Regel ohne Krankheitswert. Auch die Besiedelung der Scheide gehört zur Normalflora, bei besonderer Empfindlichkeit können aber sehr lästige wiederkehrende und hartnäckige Entzündungen auftreten. Aber nur bei schwerstkranken (z.B. AIDS- oder anderweitig stark immungeschwächten)  Patienten können sich die sonst friedlichen Darmbewohner gefährlich ausbreiten. Ebenso strenge wie unsinnige Diäten, die "den Pilz aushungern", Spülungen des Gedärms und andere rabiate Therapieversuche sind deshalb vollkommen entbehrlich.

 

400 Bakterienarten, zusammen 1 Kilogramm in einer Konzentration von 100.000.000.000 pro Gramm, besiedeln den Darm als ganz individuelles Ökosystem; sie sind an der Herstellung von Vitaminen, Hormonen, Aminosäuren beteiligt und machen 1/3 der Stuhlmenge aus. Der Keim E.coli, das Lieblingstier der Symbioselenker, hat in den 1,5 m Dickdarm einen Anteil von weniger als 1% an der Darmflora.

 

 

 

 

Schüssler-Salze

Die sogenannte Biochemie nach Schüssler gründet auf seinen Untersuchungen der Asche von Toten. Nach der dabei gewonnenen Vorstellung werden Krankheiten durch die falsche Zusammensetzung von Mineralien ("Lebenssalzen") verursacht, weil sich deren krankheitsbedingt verringerten Moleküle nicht mehr richtig in den Zellen bewegen und gegenseitig anziehen würden. Gesund wäre demnach, wer ausreichend Gips und Kalk, Kieselerde und Blaueisenerz im Körper hat.

 

Zwölf anorganische (nicht bio-chemische) Metall-Salze werden bei Krankheit, also dem Fehlen von Lebenssalzen, als sogenannte Funktions-, Regenerations- und Konstitutionsmittel in homöopathischer Dosierung (meist D6) zur "biochemischen Behandlung" eingesetzt. Weil er dabei nicht die unzähligen Substanzen und Materialien der klassischen Homöopathie verwendete, sondern nur 12 weiße Pülverchen (Nr.1-12), auf 1 Tausendstel, 1 Millionstel oder 1 Millionmillionstel gestreckt, nannte Wilhelm Schüssler seine Methode "abgekürzte Therapie". Beispiele für Salze und ihre Anwendung (aus einschlägigen Webseiten):

 

Nr.  1  Calciumfluorid (Flußspat)  bei grauem Star, Afterjucken, Bandscheibenvorfall und Hängebrust

Nr.  5  Kaliumphosphat  gegen Fehlgeburt und Fußpilz, Schielen und Schwermut, Durchfall und Schlaganfall

Nr.  8  Natriumchlorid (Kochsalz)  bei Zuckerkrankheit und Zwerchfellbruch, Heimweh und Stottern

Nr.12  Calciumsulfat (Gips)  gegen Eifersucht, Mumps, Furunkel, Großzehenschiefstand

 

"Die biochemischen Mittel genügen zur Heilung aller durch innerliche Mittel heilbaren Krankheiten", verspricht Schüssler den Gläubigen, weil auch Asthma, Tuberkulose, Epilepsie, Leukämie als Störungen des homöopathischen Mineralstoffhaushalts aufzufassen seien. Je länger ein behandlungsbedürftiges Leiden andauert, desto länger und niedriger dosiert sind die Pastillen und Globuli einzunehmen (alle 5 Minuten oder 3-12 am Tag), aber keinesfalls zu schlucken, sondern unter der Zunge zu behalten, von wo sie schnell ins Blut gehen. Man kann die Tabletten aber auch in Wasser auflösen (insbesondere "die heiße 7" bei Flugangst und Eierstockentzündung) oder aus zwei weiteren Dutzend "Ergänzungsmitteln" Breiumschläge mit Arsen und Natron machen oder Gold- und Phosphor-Salben auftragen. Der Behandler erkennt übrigens das für die Therapie geeignete Mittel am Gesichtsausdruck des Patienten ("Antlitz-Diagnostik").

 

Das Verfahren ist seit 1874 naturwissenschaftlich und medizinisch nicht ganz unumstritten.

 

 

 

 

Bioresonanztherapie

Grundlage der 1977 eingeführten Methode ("Mora") ist die Vorstellung, es gebe "patienteneigene Schwingungen". Zur gehörigen "Resonanz" (elektromagnetischen Mitschwingung) wird der Patient über Handgriffe oder eine Matte (auch berührungsfrei magnetisch) an einen schwarzen Zauberkasten angeschlossen - "Biokommunikation". Zu Diagnose und Behandlung werden beliebige Frequenzen eingestellt und nach Bedarf mit Ayurveda, Astrologie u.ä. kombiniert. Die viertelstündigen Sitzungen tönender "Kippschwingungstherapie" sind elektrisch ungefährlich, wenn das Kästchen ordentlich geerdet ist.

 

Die Behandlung mit irgendwie Magnetplasmawellenfrequenzelektronenfeldstrahlenimpulsen wäre interessant, 

 

wenn...

es körpereigene Frequenzen gäbe

das Kästchen sie empfangen und beeinflussen könnte

Wellenmuster Krankheiten verursachten 

Schwingungen im Molekularsaugkreis zu sortieren wären

krankmachende Wellen durch Spiegelbildschwingung gelöscht würden  

geschwächte gesunde Signale existierten, die man verstärken könnte

Geräusche aus einem Lautsprecher dabei bedeutsam wären 

Metalle und Edelsteine 36 Stufen elektronischer Informationen enthielten 

es zur Heilung nutzbare externe Umweltschwingungen gäbe

Therapiewellen auf der Modulationsmatte  zu magnetischer Information würden  

Magnetfrequenzen in Organe und Knochen zu übertragen wären

Krankheiten mit Magnetismus geheilt werden könnten  

Allergien das Geringste mit Elektrik zu tun hätten

 

und     

das Physik-Gefasel der Gerätebeschreibung ("neueste Erkenntnisse der Quantenphysik") und Erklärungen wie "sechsdimensionale Hyperwellen" oder "Elektronenplasmastrom" nicht solch haarsträubender Unsinn wären und die Heilige Hildegard nicht auch noch für den "Mikroimpulsresonator" herhalten müßte,

 

...dann wäre die Bioresonanztherapie, auch elektronische Homöopathie genannt, womöglich eine prima Erfindung. Andererseits liegt, auch angesichts der Elektrosmog- und Handy-Diskussion, etwas Tröstliches darin, daß unsere Körper nicht wirklich wie Radio- und Lichtwellen elektromagnetisch schwingen oder gar röntgenmäßig im Dunkeln leuchten.

(Nicht mit dem "Biofeedback" der Verhaltenstherapie zu verwechseln!) 

 

 

 

 

Akupunktur

Seit 2500 Jahren gibt es die Nadelstiche in der chinesischen Schulmedizin; ihr Stellenwert war aber gering neben der Ahnen- und Dämonen-Heilkunde, einer philosophischen Ernährungslehre, volkskundlicher Kräutertherapie, Massagen und Schattenboxen. Keine andere alternative Methode ist weltweit gründlicher erforscht, trotzdem ist die spezifische Wirksamkeit nicht überzeugend nachgewiesen - was nicht heißt, daß Akupunktur nichts helfe; denn auch andere Therapien haben (und nützen) unspezifische Effekte ("heile, heile Segen..."). Ein gewisser Stellenwert scheint den Nadeln bei einigen chronischen Schmerzbildern zuzukommen, wenigstens zeitweise.

 

Die Ursprünge ("Punkt Dämonenweg") liegen in der Abwehr böser Geister. Im Lauf der Zeit entstand nach sehr antiken Vorstellungen von Bau, Funktion und Krankheiten des Körpers und östlichen Lebens- und Naturphilosophien ein kunstvolles System, das die Idee entgegengesetzter Eigenschaften (wie Yin/Yang) mit einer magischen Lehre von Entsprechungen verband, den "fünf Wandlungsphasen". Die Leber zum Beispiel ist Yin. Sie öffnet sich beim Gefühl Zorn im Leberwind Ganfeng am Organ Auge, wird dem Element Holz, der Jahreszeit Frühling, dem Wetter Wind, der Himmelsrichtung Ost, der Farbe blau und dem Geschmack sauer zugeordnet und ist für Muskeln und Sehnen zuständig. 

 

Die Idee dahinter: das Gleichgewicht von Yin (männlich, aktiv, warm) und Yang (weiblich, passiv, kalt) bringt die Lebensenergie Qi hervor, die in paarweisen (zunächst 12) Meridianen fließt, auf denen (Monaten und Tagen entsprechend) die (ursprünglich 361) Punkte liegen, die mit der Energie der (traditionell je 5 Yin/Yang-) Organfunktionskreise verbunden sind. Akupunktur gleicht Leere oder Stauung des Energieflusses aus. Die Weiterentwicklung dieser Vorstellungen besorgte das Abendland - "Aneignung durch Umdeutung".

   

Der Mythos der Ganzheitlichkeit fernöstlicher Heilweisen ist ein Mißverständnis, das dem Wunschdenken der Teilnehmer am Wochenendseminar entspringt, nicht dem Einblick in fremdartige Philosophien und Medizinsysteme. Die alte chinesische Heilkunde kennt (im Gegensatz zur naturwissenschaftlich geprägten westlichen) keine Psychologie, keine Psychosomatik. Psychisch Kranke werden geächtet, Kranksein kommt von "falschem Denken", Gesundheit ist Gefühlsbeherrschung, einwandfreie Moral, soziale Einordnung, Überwindung der Natur, nicht der Einklang mit ihr. Diagnosen wie "verschleimte Mitte" sind auch nicht ("einmal Yin, einmal Yang!") auf kranke Westler zu übertragen. Auch das ehrfurchtgebietende Alter der sogenannten traditionellen chinesischen Medizin (die im vorigen Jahrhundert in China schon stark an Bedeutung verloren hatte) ist nur eine Mär: sie ist ein kuturpolitisches Kunstprodukt aus der Zeit des Großen Vorsitzenden Mao.

 

Das Verständnis wird noch dadurch erschwert, daß es - wie in der Vielfalt der echt alten Heilkunde im echt alten China - keine einheitliche Akupunktur-Behandlung gibt, sondern mindestens zwei Dutzend Schulen, die grundverschiedene Konzepte und widersprüchliche Verfahren anwenden; beispielsweise

 

Anzahl, Form und Dicke der Nadeln, auch Kugeln, Stäbchen, Laserstrahl   

Material (Gold, Flintstein, Stahl) und Zeiten (chinesische Organuhr) 

Einstichtiefe (Te-Qi-Gefühl) 0,2 mm bis 8 cm 

Art der Stimulation (Vibration, Wärme, links- oder rechtsherum, Farbe, elektrischer Strom) 

Moxibustion (Moxazigarre oder Beifußkraut auf Ingwer) 

Anzahl (12–32) und Verlauf der Meridiane  

Lage und Kombination der 361 bis über 1000 Punkte 

Barfußarzt-Akupunktur (15 Punkte)

Organ-Entsprechungen am ganzen Körper oder an Ohr (192 Punkte), Hand, Scheide usw. 

Elektroakupunktur (EAV, eine ziemlich unchinesische Schwachstrom-Elektrik)
Y-Punkte (Schädelakupunktur nach Yamamoto)

Homöosiniatrie (Injektion homöopathischer Mittel).

 

Es gibt viele Theorien, aber die Akupunktur ist mit "westlicher" Naturwissenschaft und Medizin nicht zu erklären. Meridiane und Punkte haben keine anatomische Grundlage, Genetik, Pathologie und Chirurgie kommen gut ohne Qi aus. Es ist auch nicht erkennbar, daß eine intensive Ausbildung ("sieben Jahre in Peking gewesen") überlegen wirksam wäre. Solange es nicht schadet, sagen ausgewiesene Kenner der Materie, ist es gleichgültig, welche Akupunktur-Variante Anwendung findet. Bei hartnäckiger Qi-Blockade kann die chinesische Schulmedizin, hier ganz undogmatisch und beliebig, auch mit der altindischen Chakren-Lehre oder mit Bioresonanz und Homöopathie kombiniert  werden.

 

Nachtrag

Die jahrtausendealten fernöstlichen Rätsel wurden jetzt in Mammutstudien ("Gerac") deutscher Krankenkassen gelöst. (Das war angebracht; denn bei uns gibt es, bezogen auf die Einwohnerzahl, doppelt so viele Akupunkturärzte wie in China.) Das Ergebnis ist sensationell: die Nadelei wirkt tatsächlich, aber: es ist völlig unerheblich, wer, wie und wo sticht - original chinesisch oder (am Studiengegenstand Rückenschmerzen) weit weg vom "echten" Punkt Yinmen ("prächtiges Tor"). Aber nicht nur die Gläubigen sind blamiert und verstört; denn echte und Scheinakupunktur waren deutlich erfolgreicher bei der Schmerzbekämpfung als die Standardbehandlung der "Schulmedizin". Andererseits bestätigen die Yin-Yang-Heilungen die Ergebnisse der Neurophysiologie und der Placeboforschung: Schein-Spritzen sind allemal wirksamer als Schein-Tabletten, aber keine Einbildung.