
Die andere
Medizin
Nadeln, Kräuter, Zuckerkugeln
Wer war's?
Er sagte, Krankheiten seien Konflikte zwischen dem "höheren Selbst" und der Persönlichkeit, kämen aber eigentlich von Charakterschwächen wie Haß, Stolz, Grausamkeit, Habgier, Egoismus, insgesamt genau 38 "negativen Seelenzuständen" mit festgelegten Symptomen. "Oberstes Diagnoseprinzip: körperliche Zustände sind unerheblich" - ein kühner Griff neben die Mottenkiste der Psychologie.
Die schlimmen Unarten der 38 Schubladen-Persönlichkeiten wollte er durch spirituelle Umwandlung in "Tugenden", d.h. moralisch einwandfreie Seelenzustände, heilen. 38 entsprechende Blütenmittel von Blumen, Sträuchern und Bäumen sollten ihm die "Energie" und das "geistige Potential" für die Behandlung der 38 Sorten böser Menschen liefern (hat nichts mit Pflanzenheilkunde gemein). Gottlob hatte er nicht den Einfall, Rotkehlchen und Löwen für die geistige Energieübertragung auszuwählen.
An einem wolkenlosen Vormittag pflückt man an bestimmten Orten die vom ihm bezeichneten Blüten, bzw. Stiele und Blätter, legt sie in Wasser, angelt sie, wenn sie verwelkt sind, mit einem Zweig der nämlichen Pflanze wieder heraus, gießt 1:1 Cognac oder Brandy dazu und verdünnt alles noch einmal genau 1:240. Dadurch wird die energetische und geistige Kraft der Pflanzen nicht nur in viel Alkohol und noch mehr Wasser aufgelöst, sondern "in höherer Ordnung konzentriert". Eine Begründung für die botanische Auswahl und gerade dieses Verfahren zur Hebung der Moral hat der Meister leider nicht hinterlassen.
Die fertigen Fläschchen enthalten nur 1-2 Tropfen dieser sog. Essenzen. Man kann die Pflanzenmittel einnehmen oder äußerlich anwenden oder am Körper tragen oder einfach auf das Nachtkästchen stellen. Die Wirkung tritt nach wenigen Stunden ein oder nach 18 Monaten (bei chronischer Charakterschwäche), soll allerdings, verständlich, bei letzterer Art der nächtlichen Anwendung ein wenig schwächer ausfallen.
Das geistige Potential von beispielsweise Blütenmittel Nr. 33, der Walnuß, einer eher dummen Nuß, ist nicht dingfest zu machen, aber man kann den höheren Pflanzengeist (Kirlian-bioenergetisch) dabei fotografieren, wie er "die Kanäle für die Botschaften des spirituellen Selbst öffnet". Die Energie der Walnuß ist leichter zu fassen: 669 kcal in 100g eßbarem Anteil.
Die ebenso unschönen wie unvereinbaren Gemütslagen mit den Nummern 6,9,18,26,29 ("unbeherrschte Temperamentsausbrüche, wenig Aufmerksamkeit, von Terrorgefühlen überrannt, geistige Abwesenheit, ungeduldig oder leicht gereizt, panische Reaktion" usw.), aber auch etwa ein lebensbedrohlicher Herzanfall, sind unschwer zu beheben: mit "Rescue Remedy" (Notfalltropfen), einer Blütenmischung mit der Energie und Geisteskraft von Kirschpflaume, weißer Waldrebe, drüsentragendem Springkraut, gelbem Sonnenröschen und doldigem Milchstern.
Keine einzige Krankheit, so sprach der Erfinder bescheiden, ist unheilbar. Folgerichtig hat er sein System für endgültig abgeschlossen erklärt.
Wer war's? Dr. Edward Bach (1886 -1936).
(Die Blütenmittel sind in Deutschland nicht zugelassen, gelten aber als harmlos.)
Pflanzliche und andere Arzneimittel
Viele
glauben, daß man mit Pflanzen "aus Gottes Apotheke" Krankheiten natürlich
und ohne die gefährlichen Nebenwirkungen der "chemischen Hämmer" der
Pharmaindustrie heilen könne. Sie übersehen dabei, daß jedes noch so
sanfte Mittel Haupt- und Nebenwirkungen hat
("allein die Dosis macht, daß ein Ding
kein Gift ist") und an
seinem Ort im Körper bio-chemisch, d.h. ganz natürlich wirkt, nicht etwa
geistig oder gar übersinnlich. Deshalb dürfen Bachblüten, Homöopathie
oder Aromatherapie nicht mit den zum Teil altehrwürdigen Heilpflanzen in
einen Topf geworfen werden; Zuckerkügelchen, englisches Blumenwasser und Pflanzenseelen haben
gar nichts mit Pflanzenheilkunde zu
tun.
Gut
untersuchte Pflanzen sind rar und wäre zum Exempel die Modedroge
Johanniskraut ‚chemisch’, ohne den Nimbus und Vertrauensvorschuß des Naturprodukts, würden
die bislang vorgelegten Untersuchungen nicht ausreichen, sie als Mittel gegen
Depressionen zuzulassen.
Klostermedizin
und alte Arzneibücher schrieben dem
"S. Johans
kraut" noch ganz
andere Wirkungen zu:
"gesotten unnd viertzig tag an
einander getruncken / heylet das hüfftwee"
und
"ist mittags auff Johannis-Fest gesammlet ein Mittel gegen Epilepsie"
oder "pringt den frawen ir kranckayt".
Es wurde aber
auch (angeblich von der berüchtigten
Hildegard
) als Viehfutter empfohlen, "weylen es eyn verwildert kreuttlein
ist.“ (Nebenbei: die ganze "Hildegard- Medizin" ist ein zeitgenössisches Marketingprodukt)
Heute versucht die Industrie, in fragwürdigen Tierexperimenten („Angstmodell’) den Wirkungsnachweis für die natürliche Psychodroge Johanniskraut zu erbringen und pharmakologisch zu zeigen, daß sich "die sanfte Alternative hyperforinhaltiger Extrakte mit vielen potentiell wirksamen Inhaltsstoffen" (Pharma-Lyrik) im eigentlichen Wirkmechanismus an der Nervenzelle, ordentlich dosiert (900mg tgl.), nicht wesentlich von den Muntermachern aus dem Chemielabor ("mother’s little helpers") unterscheide - Öko-Glückspillen von Mutter Natur wie ein Joint..
Eine chemische Arznei besteht aus einem einzigen Wirkstoff mit bekannten Eigenschaften, Heilkräuter dagegen sind nicht exakt bestimmbare komplexe Vielstoffgemische mit verwirrend unterschiedlichen Herstellungsprozessen der Ausgangsdroge, wechselnder Zusammensetzung, Konzentration und Qualität der Inhaltsstoffe (z.B. durch die Umweltbedingungen im oft fernen Herkunftsland, incl. Pflanzenschutzmittel, Strahlung, Verunreinigungen von Pilz bis Schwermetall) und Fragen sachgerechter Lagerung. Sie sind als "besondere Therapierichtung" vom Nachweis, wirksam und sicher zu sein, derzeit befreit. Die Möglichkeiten einer Bewertung und Qualitätskontrolle sind auch beschränkt, schon ein einfacher Tee enthält viele Dutzend Einzelstoffe. Und die Geschmacks- und Wirkungsunterschiede bei verschiedener Ziehzeit kann man schon am schwarzen Tee beobachten.
Sicherheitshalber
sollten Sie zur Selbstbehandlung nur nach dem Arzneimittelgesetz
zugelassene, standardisierte Einzelpflanzen ("Monographie-konform")
und Apotheker-Zubereitungen verwenden, um wirksame Heilpflanzen
geprüfter Qualität zu bekommen - nur 1/4 der über 4000 Phytos. Die
Ansicht, alle Pflanzenstoffe seien esoterische Flower-Power, wäre genauso
falsch (denken Sie an Tollkirsche oder Penizillin!) wie der unkritische
Glaube an alte Volksmedizin und neue Reklamesprüche ("bioenergetisches
Feld").
Seit Jahrhunderten verwendete Hausmittel können modernen Überprüfungen manchmal durchaus standhalten, wie der Kamillentee zeigt. Bei Versuchspersonen (2 Wochen, 5 Tassen täglich) wurden, sogar noch zwei Wochen nach Ende der Tests, im Urin antibakterielle (gegen Entzündungen) und muskelentspannende (bei Periodenschmerzen) Substanzen nachgewiesen. Tee-Rezepte: natum
Aber
auch
Naturheilmittel können Nebenwirkungen hervorrufen wie (Kontakt-)Allergien
(stark: Teebaumöl) - oft auch durch Vermischungen (wie
Kamille/Hundskamille), Schmerzen und Fieber (Ginkgo), Hormoneffekte
(Sonnenhut), sogar Organschäden (zB der Leber bei Kava-Kava) oder
überraschende Wechselwirkungen (uncool: Pillenversager unter Johanniskraut);
neuerdings wird auch von Vergiftungen durch Algenprodukte berichtet.
Knoblauch und Ginkgo können Blutungen verstärken, deshalb sollen vorsorglich
alle Pflanzenmittel vor einer geplanten Operation abgesetzt werden. Die (oft
versehentliche) Gabe ätherischer Öle (Kampher, Menthol, Pfefferminz) an
Säuglinge und Kleinkinder kann schnell zum Fall für Giftnotruf und
Intensivstation werden: ein Tropfen auf Nase oder Lippe kann Krämpfe und
lebensbedrohliche Atemnot auslösen.
Die Kapseln mancher pflanzlichen Arzneien enthalten Weichmacher (DBP), die
von der EU als "fortpflanzungsgefährdend" eingestuft werden,
weil sie das ungeborene Kind schädigen könnten.
Im beliebten botanischen Arzneischatz der angeblich traditionellen
chinesischen Medizin und in ayurvedischen Zubereitungen wurden grobe Verunreinigungen,
Arznei-Beimischungen (zB Kortison) und echte Gifte (wie Arsen, Blei,
Quecksilber) in nennenswerten Konzentrationen gefunden: "Nierenkiller
aus Fernost".
Die sympathische Naturheilkunde ist also nicht immer unbedenklich und dabei steht den zum Teil ernsthaften Risiken meist kein belegter Nutzen ("stärkt das Immunsystem") gegenüber, auch keine Einsparung. Die Hälfte der rezeptfreien Pillen, Säfte und Salben zur Selbstbehandlung - ein Markt von 4 ½ Milliarden Euro jährlich - ist bestenfalls schlicht wirkungslos. Aber auch ein Viertel der „richtigen“ 50000 Arzneimittel (mit 2900 Wirkstoffen) wird als "wenig geeignet", schlicht unbrauchbar eingestuft; tausende Präparate haben in den letzten Jahren die Zulassung verloren.
Homöopathie
Merkmale der homöopathischen Mittel sind die Arzneiprüfung und die Herstellung von Potenzen. Wenn Sie, beispielsweise, von einer Biene gestochen werden, tut es weh und wird rot. Deshalb ist die Biene ("Apis D30") im Verhältnis 1:1000000000000000000000000000000 verrieben, ein Mittel bei "Brennen, Stechen, Rötung, Schwellung", nach dem "Simile-Prinzip" der Homöopathie: Ähnliches wird durch Ähnliches geheilt.
Beim
schrittweisen (D30=30x) Verdünnen (D=1:10), dem "Potenzieren", wird durch
das kräftige Verschütteln,
so die Erklärung für das Unerklärliche, "Energie" zugeführt.
Dabei soll dem Trägerstoff (Wasser, Globuli) die "Information der Arznei"
eingeprägt werden und sich mit zunehmender Potenzierung immer weiter unbegrenzt verstärken, "dynamisieren". Laut
Samuel Hahnemann, dem Urvater der Lehre, wirken homöopathische Zubereitungen
aber auch "mittels Riechens nicht weniger mächtig".
Unerwünschte Nebenwirkungen homöopathischer Arzneien - Salzsäure und Arsen, Maulwurfsfell und Marienkäfer, Sehnerv und Tripper-Eiter, Fliegenpilz und Petersilie - werden durch die Potenzierung nicht mitverstärkt. In den Verdünnungen sind immer auch, mehr als von der Arznei, Spuren anderer Stoffe nachweisbar, die aber als nicht wirksam gelten. Niedrige Potenzen können durchaus gefährliche Konzentrationen von Giften enthalten, von (in der sog. Schulmedizin abgeschafften) Stoffen, die krebserregend sind, Chromosomen und Organe schädigen oder Allergien auslösen; unbedenkliche Untergrenzen sind nicht bekannt.
Spätestens ab D24 oder C12 ist rechnerisch kein einziges Atom der Ausgangssubstanz mehr im Fläschchen. Deshalb ist die Behandlung eines Windelausschlags mit dem 'giftigen Sumach' für den Säugling ohne Risiko, "Rhus toxicodendron D30" ist absolut frei von Gift-Efeu und seiner Arzneiwirkung, wie einer starken Verätzung der Haut (dem "Simile"). Andererseits soll eine Tablette "Natrium chloratum", schlichtes Kochsalz, ein Heilmittel für Herz und Leber sein, ein Vielfaches davon in der Suppe aber nicht.
Die "Hochpotenzler"- Dosierung C200, etwa des Grippemittels Entenleber, besagt, daß Verdünnungsstufen von 1:100 zweihundertmal wiederholt werden, jeweils mehrfach heftig geschüttelt, bis zuletzt eine 1 mit schlicht absurden 400 Nullen dasteht, eine Zahl, die astronomisch zu nennen, eine ungeheuere Untertreibung wäre. Es gibt auch die 1 mit 1000 Nullen, aber den Enten droht, anders als etwa beim Nashorn-Pulver der Chinamedizin, insoweit keine Gefahr durch die Homöopathen.
Zur Behandlung des vaginalen Ausflusses werden u.a. Acidum formicum (Ameisensäure), Calcium carbonicum (Austernschalen), Kreosotum (Buchenholzteer), Lachesis (Schlangengift), Lilium (Tigerlilie), Sepia (getrockneter Tintenfisch) und Sulfur (Schwefel) genannt. Die angegebenen Dosierungen reichen von D2 bis D12 "und höher". (In der anderen Medizin würden derarte Sprünge, z.B. bei Aspirin, den Wechsel von einer Tablette mit 500 mg auf 2 Kilogramm und 2 Millionen Tonnen des Wirkstoffs bedeuten.)
Die oft gestellte Frage "Gibt es da was Homöopathisches?" ist hahnemannmäßig völlig daneben. Die richtige Frage ist komplizierter und sehr persönlich: mit welcher künstlichen Krankheit (= ähnlichem Arzneimittel) kann mein Körper angeregt werden, die Verstimmung meiner Lebenskraft (= meine Symptome) auszugleichen? Oder für die Therapie: welcher "Konstitutionstyp" hat den Ausfluß?
Unser gynäkologisches Beispiel und Schwefel als Arznei träfen diese Konstitution: eine griesgrämige, etwas streng riechende, picklige, wasserscheue Vegetarierin.
Sulfur, u.a.: Reizbares, mürrisches Wesen. Immer pessimistisch und depressiv, schlechtes Gedächtnis. Erwacht morgens gegen 3 oder 4 Uhr. Lasche Körperhaltung des Bindegewebsschwächlings. Unreiner, graufarbener Hautteint. Unangenehmer Körpergeruch. Ekzeme mit viel Juckreiz. Starke Empfindlichkeit gegen Wasser. Tagsüber kalter Fußschweiß. Morgendliche Durchfälle. Abneigung gegen Fleisch und Milch. Magenflauheit gegen 11 Uhr vormittags. Alle Absonderungen sind brennend und scharf. Verschlimmerung nach Mitternacht. Besserung bei trockenem Wetter.
Die Anwendung homöopathischer Mittel ('Arnika bei Wunden') ist noch keine homöopathische Behandlung. Es gibt keine Gegen-Mittel, keine akuten Krankheiten, nur individuelle "Arzneimittelbilder". Drei Patienten mit der selben medizinischen Diagnose bekämen gewiß drei grundverschiedene persönliche Simile-Mittel, aber bei drei Menschen mit absolut unvergleichbaren Erkrankungen wäre ein und die selbe Arznei denkbar. Selbstbehandlung, Reiseapotheken oder die beliebten Komplexmittel widersprechen deshalb allen Prinzipien der reinen homöopathischen Lehre ("Macht mich nach, aber richtig!").
Hahnemann glaubte, "das Homöopathische beruht auf einem ewigen untrüglichen Natur-Gesetze und ist die einzig durch Menschenkunst mögliche Heilart". Aber das 200 Jahre alte (ebenso lang umstrittene) Dogma, daß "was krank macht, auch heilsam ist" und daß sich durch unendliche Verdünnungen "die Materie zuletzt gänzlich in ihr geistartiges Wesen auflöst" ist nicht leicht in eine natur-wissenschaftliche Arzneikunde zu integrieren, eigentlich gar nicht. So bleibt es bei dem alten Spott: bei der Homöopathie stirbt man an der Krankheit, bei der Allopathie an der Behandlung.
Nachtrag
Der bislang größte internationale Vergleich von über 200 homöopathischen und sog. schulmedizinischen Studien zum selben Krankheitsbild, die von der volkstümlichen "Erfahrungsmedizin" immer geforderten Untersuchungen, haben 2005 wieder gezeigt, daß die Heileffekte der Homöopathie nicht über unspezifische Scheinwirkungen hinausgehen, wenn sie mit großen Patientenzahlen in statistisch einwandfreien Untersuchungsanordnungen Placebo-kontrolliert unter die Lupe genommen werden. Dabei sind Placeboeffekte durchaus wirkungsvoll und meist handfest biochemisch (Endorphinfreisetzung im Gehirn) und nicht "eingebildet", aber eben keine besondere eigene Arzneiwirkung.
Die Frage ist dabei nicht, ob man die Scheinwirkung der Globuli nützen soll, sondern ob man ehrlich zu einer objektiv wirkungslosen Arzneitherapie raten kann. Auch die Schulmedizin muß sich ja ständiger Kritik an ihren Irrtümern stellen, nur führt da der immer wieder fehlgeschlagene Wirkungsnachweis einer Behandlungsmethode nicht zu einem vorderen Platz in der Beliebtheit bei Patienten und Ärzten - sie sei denn sanft und ganzheitlich wie reines Wasser oder ein verzaubertes Zuckerkügelchen.
Volksseuche Darmpilz
Der
heimtückische Hefepilz Candida albicans kann im
Magen-Darm-Trakt
siedeln,
sich dort vermehren und das Immunsystem durch Pilzgifte schädigen.
Eine Vielzahl
verschiedener mysteriöser und bekannter Krankheitsbilder von
Durchfall bis Depression
ist die Folge.
Diese
Gruselgeschichte stimmt Gottseidank nicht. Wie viele andere
Mikroorganismen, die allermeist völlig harmlos zu beiserseitigem Nutzen
auf und in uns hausen, kommen die
Sproßpilze
regelmäßig vor; ihr Nachweis in Rachenabstrich, Dünndarmsaft
oder Stuhlkultur ist
daher in aller Regel ohne Krankheitswert. Auch die Besiedelung der Scheide
gehört zur Normalflora, bei besonderer Empfindlichkeit können aber sehr
lästige wiederkehrende und hartnäckige Entzündungen auftreten. Aber nur
bei schwerstkranken (z.B. AIDS- oder anderweitig stark immungeschwächten)
Patienten
können sich die sonst friedlichen Darmbewohner gefährlich
ausbreiten.
Ebenso strenge wie unsinnige Diäten, die "den Pilz
aushungern", Spülungen
des
Gedärms und andere rabiate Therapieversuche sind deshalb vollkommen entbehrlich.
400
Bakterienarten, zusammen 1 Kilogramm in einer Konzentration von
100.000.000.000 pro Gramm, besiedeln den Darm als ganz individuelles Ökosystem;
sie sind an der Herstellung von Vitaminen, Hormonen, Aminosäuren
beteiligt und machen 1/3 der Stuhlmenge aus. Der Keim E.coli, das
Lieblingstier der Symbioselenker, hat in den 1,5 m Dickdarm einen Anteil
von weniger als 1% an der Darmflora.
Schüssler-Salze
Die sogenannte Biochemie nach Schüssler gründet auf seinen Untersuchungen der Asche von Toten. Nach der dabei gewonnenen Vorstellung werden Krankheiten durch die falsche Zusammensetzung von Mineralien ("Lebenssalzen") verursacht, weil sich deren krankheitsbedingt verringerten Moleküle nicht mehr richtig in den Zellen bewegen und gegenseitig anziehen würden. Gesund wäre demnach, wer ausreichend Gips und Kalk, Kieselerde und Blaueisenerz im Körper hat.
Zwölf anorganische (nicht bio-chemische)
Metall-Salze werden bei Krankheit, also dem Fehlen von Lebenssalzen, als sogenannte Funktions-,
Regenerations- und Konstitutionsmittel
Das Verfahren ist seit 1874 naturwissenschaftlich und medizinisch nicht ganz unumstritten.
Bioresonanztherapie
Grundlage der 1977 eingeführten Methode ("Mora")
ist die Vorstellung, es gebe "patienteneigene Schwingungen". Zur gehörigen "Resonanz"
(elektromagnetischen Mitschwingung) wird der Patient über Handgriffe oder eine
Matte (auch berührungsfrei magnetisch) an einen schwarzen Zauberkasten angeschlossen
- "Biokommunikation". Zu Diagnose
und Behandlung werden beliebige Frequenzen eingestellt und nach Bedarf mit Ayurveda, Astrologie u.ä. kombiniert.
Die viertelstündigen Sitzungen tönender "Kippschwingungstherapie"
sind
Die
Behandlung mit irgendwie Magnet
wenn...
es körpereigene Frequenzen gäbe
das Kästchen sie empfangen und beeinflussen könnte
Wellenmuster Krankheiten verursachten
Schwingungen im Molekularsaugkreis zu sortieren wären
krankmachende Wellen durch Spiegelbildschwingung gelöscht würden
geschwächte gesunde Signale existierten, die man verstärken könnte
Geräusche aus einem Lautsprecher dabei bedeutsam wären
Metalle und Edelsteine 36 Stufen elektronischer Informationen enthielten
Magnetfrequenzen in Organe und Knochen zu übertragen wären
Krankheiten mit Magnetismus geheilt werden könnten
und
das Physik-Gefasel der Gerätebeschreibung ("
...dann
wäre die Bioresonanztherapie, auch elektronische Homöopathie genannt,
womöglich eine prima Erfindung. Andererseits liegt, auch angesichts der
(Nicht mit dem "Biofeedback" der Verhaltenstherapie zu verwechseln!)
Akupunktur
Seit
2500 Jahren gibt es die Nadelstiche in der chinesischen Schulmedizin; ihr
Stellenwert war aber gering neben der Ahnen- und Dämonen-Heilkunde, einer
philosophischen Ernährungslehre, volkskundlicher Kräutertherapie,
Massagen und Schattenboxen. Keine andere alternative Methode ist weltweit gründlicher
erforscht, trotzdem ist die spezifische Wirksamkeit nicht überzeugend
nachgewiesen - was nicht heißt,
daß Akupunktur nichts helfe; denn auch andere Therapien haben (und nützen)
unspezifische Effekte ("heile, heile Segen..."). Ein gewisser Stellenwert scheint den Nadeln
bei einigen chronischen Schmerzbildern zuzukommen, wenigstens zeitweise.
Die Ursprünge ("Punkt Dämonenweg") liegen in der Abwehr böser Geister. Im Lauf der Zeit entstand nach sehr antiken Vorstellungen von Bau, Funktion und Krankheiten des Körpers und östlichen Lebens- und Naturphilosophien ein kunstvolles System, das die Idee entgegengesetzter Eigenschaften (wie Yin/Yang) mit einer magischen Lehre von Entsprechungen verband, den "fünf Wandlungsphasen". Die Leber zum Beispiel ist Yin. Sie öffnet sich beim Gefühl Zorn im Leberwind Ganfeng am Organ Auge, wird dem Element Holz, der Jahreszeit Frühling, dem Wetter Wind, der Himmelsrichtung Ost, der Farbe blau und dem Geschmack sauer zugeordnet und ist für Muskeln und Sehnen zuständig.
Die Idee dahinter: das Gleichgewicht von Yin (männlich, aktiv, warm) und Yang (weiblich, passiv, kalt) bringt die Lebensenergie Qi hervor, die in paarweisen (zunächst 12) Meridianen fließt, auf denen (Monaten und Tagen entsprechend) die (ursprünglich 361) Punkte liegen, die mit der Energie der (traditionell je 5 Yin/Yang-) Organfunktionskreise verbunden sind. Akupunktur gleicht Leere oder Stauung des Energieflusses aus. Die Weiterentwicklung dieser Vorstellungen besorgte das Abendland - "Aneignung durch Umdeutung".
Der
Mythos der Ganzheitlichkeit fernöstlicher Heilweisen ist ein
Mißverständnis, das dem Wunschdenken der Teilnehmer am Wochenendseminar
entspringt, nicht dem Einblick in fremdartige Philosophien und Medizinsysteme.
Die alte chinesische Heilkunde kennt (im
Gegensatz zur naturwissenschaftlich geprägten westlichen) keine
Psychologie, keine Psychosomatik. Psychisch Kranke werden geächtet, Kranksein
kommt von "falschem Denken", Gesundheit ist
Gefühlsbeherrschung, einwandfreie Moral, soziale Einordnung, Überwindung der
Natur, nicht der Einklang mit ihr. Diagnosen wie "verschleimte Mitte" sind auch nicht
("einmal Yin, einmal Yang!") auf kranke Westler zu übertragen. Auch das ehrfurchtgebietende Alter der sogenannten
traditionellen chinesischen Medizin (die im vorigen Jahrhundert in China
schon stark an Bedeutung verloren hatte) ist nur eine Mär: sie ist ein kuturpolitisches Kunstprodukt aus der Zeit
des Großen Vorsitzenden Mao.
Das Verständnis wird noch dadurch erschwert, daß es - wie in der Vielfalt der echt alten Heilkunde im echt alten China - keine einheitliche Akupunktur-Behandlung gibt, sondern mindestens zwei Dutzend Schulen, die grundverschiedene Konzepte und widersprüchliche Verfahren anwenden; beispielsweise
Anzahl, Form und Dicke der Nadeln, auch Kugeln, Stäbchen, Laserstrahl
Material (Gold, Flintstein, Stahl) und Zeiten (chinesische Organuhr)
Einstichtiefe (Te-Qi-Gefühl) 0,2 mm bis 8 cm
Art der Stimulation (Vibration, Wärme, links- oder rechtsherum, Farbe, elektrischer Strom)
Moxibustion (Moxazigarre oder Beifußkraut auf Ingwer)
Anzahl (12–32) und Verlauf der Meridiane
Lage und Kombination der 361 bis über 1000 Punkte
Barfußarzt-Akupunktur (15 Punkte)
Organ-Entsprechungen am ganzen Körper oder an Ohr (192 Punkte), Hand, Scheide usw.
Elektroakupunktur
(EAV, eine ziemlich unchinesische Schwachstrom-Elektrik)
Y-Punkte (Schädelakupunktur nach Yamamoto)
Homöosiniatrie (Injektion homöopathischer Mittel).
Es
gibt viele Theorien, aber die Akupunktur
ist mit "westlicher" Naturwissenschaft und Medizin nicht zu
erklären. Meridiane und Punkte haben keine anatomische Grundlage,
Genetik, Pathologie und Chirurgie kommen gut ohne Qi aus.
Es
ist auch nicht erkennbar, daß eine intensive Ausbildung ("sieben Jahre in
Peking gewesen") überlegen wirksam wäre. Solange es nicht schadet, sagen ausgewiesene Kenner der
Materie, ist es gleichgültig, welche
Akupunktur-Variante Anwendung findet. Bei
hartnäckiger Qi-Blockade kann die chinesische Schulmedizin, hier ganz
undogmatisch und beliebig, auch mit der altindischen Chakren-Lehre oder
mit Bioresonanz und Homöopathie kombiniert
werden.
Nachtrag
Die jahrtausendealten fernöstlichen Rätsel wurden jetzt in Mammutstudien ("Gerac") deutscher Krankenkassen gelöst. (Das war angebracht; denn bei uns gibt es, bezogen auf die Einwohnerzahl, doppelt so viele Akupunkturärzte wie in China.) Das Ergebnis ist sensationell: die Nadelei wirkt tatsächlich, aber: es ist völlig unerheblich, wer, wie und wo sticht - original chinesisch oder (am Studiengegenstand Rückenschmerzen) weit weg vom "echten" Punkt Yinmen ("prächtiges Tor"). Aber nicht nur die Gläubigen sind blamiert und verstört; denn echte und Scheinakupunktur waren deutlich erfolgreicher bei der Schmerzbekämpfung als die Standardbehandlung der "Schulmedizin". Andererseits bestätigen die Yin-Yang-Heilungen die Ergebnisse der Neurophysiologie und der Placeboforschung: Schein-Spritzen sind allemal wirksamer als Schein-Tabletten, aber keine Einbildung.